Luc und das Glück


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Thomas Sandoz
Luc und das Glück
Roman
übersetzt von
Yves Raeber
ca. 240 Seiten, gebunden
ca. CHF 27 / Euro 25

ISBN 978-3-03867-033-9


30. November 2020
(sous réserve)


Leseprobe. 


Beschwingt fahren wir an diesem späten

Juninachmittag Richtung Norden. Mein Schalensitz

ist am Fussboden des Castel-Minibusses

festgezurrt. Julia, unsere Betreuerin, konzentriert

sich ganz und gar auf den Verkehr. Neben ihr sitzt

Pauline und nestelt versunken an ihrem T-Shirt.

Vor mir streiten Goon und Bierrot auf der Sitzbank

wegen eines zwischen ihnen liegenden Ninja

Turtles-Rucksacks. Ab und zu drehen sie sich

zurück und werfen mir vorwurfsvolle Blicke zu.

Ich habe meine Prothesen im Heim vergessen und

wir mussten deshalb früher von Steevys Geburtstagsparty

weg.


Der Verkehr tost. Motorräder schlängeln sich

zwischen rappelvollen SUVs und Kleinwagen mit

Bikes auf den Dächern. Zum dritten Mal innerhalb

einer halben Stunde spuckt das Radio für all jene,

die ihr Wochenende vorwiegend auf den Strassen

verbringen werden, die aktuelle Verkehrslage aus.

Pauline zappelt, sie muss aufs Klo.


"Schon jetzt?", wettert Julia. "Wir sind noch keine

hundert Kilometer gefahren."


Meine Heimgenossin bricht in Tranen aus, wirkt

noch zerknitterter als zuvor. Sie kann nichts dafür,

dass die Krankheit sie immer mehr auszehrt.

Unsere Erzieherin schimpft weiter. Bierrot dreht

mir sein Vogelgesichtchen zu.


"Juula Katze im Beehaaa?"


Goon grölt zum Wiener Walzer, der aus seinem

Kopfhörer schwappt. Was Julia nur noch mehr

nervt.


"Verdammt, kann er nicht zwei Minuten die

Schnauze halten?"


Goons Walkman ist auf voller Lautstärke, er hört

nur bruchstuckhaft, was über ihn gesagt wird.

Was angesichts seiner extremen Reizbarkeit so

ganz gut passt.


"Endlich keine Werbeplakate mehr, die uns einladen,

das pralle Leben auszukosten. Niemand,

der uns freundlich daran erinnert, dass wir nur

Mull sind."


Je schneller Luc wieder im Heim zurück ist, desto

besser. Dann kann er hoffentlich als virtueller

Dr. Goodluck seinen Klienten, den Gesundheitsminister,

in letzter Minute noch dazu bringen, die

absurdeste Sozialreform aller Zeiten zu kippen.

Gelingt ihm das nicht, sieht die Zukunft für alle,

die als locker verschraubt gelten, düster aus.


Und das tun sie alle vier, die von einer bärbeissigen

Betreuerin im ausgeleierten Minibus durch

die Nacht chauffiert werden; das libidinöse

Mondgesicht Bierrot, die spindeldürre, ewig

kränkelnde Pauline, der cholerische Muskelprotz

Goon mit seinem Faible für Andre Rieu, und auch

der feinsinnige Luc, der aus gutem Grund vorgibt,

seine Gehhilfe verloren zu haben.


Doch der Transporter schleppt sich durchs

Gebirge, dass es zum Verzweifeln ist. Ein Ende

der Irrfahrt ist nicht in Sicht. Und inzwischen ist

auch die Presse hinter Dr. Goodluck her.



Luc und das Gluck ist die aberwitzige Heimreise

eines hochkaratigen Behinderten-Quartetts,

ein beklemmender Spiessrutenlauf durch

eine überall lauernde Normalität, die gnadenlose

Schilderung eines virtuosen Eiertanzes um allerlei

Fettnäpfchen herum.

 

Thomas Sandoz hat eine beissende Satire über

den Leistungswahn geschrieben. Und ein bisschen

versteckt, die zarte, unmögliche Liebesgeschichte 

zweier ungleicher Menschen.